Homöopathie und die Welt

Dieser Blog beleuchtet Schnittstellen der Homöopathie und des ganzheitlichen Heilens mit der außermedizinischen Welt, mit Spiritualität, Wissenschaft und Politik. Die homöopathische Art, über Probleme, Krisen und Lösungen nachzudenken und nachzufragen, wird über Themen der individuellen Gesundheit hinaus erweitert. Die ganzheitliche Sicht auf Zusammenhänge und die besondere Art, genau hinzuhören, die wir uns in zweihundert Jahren Umgang mit Krisen und Leiden erarbeitet haben, läßt sich auch in kollektiven Zusammenhängen sehr fruchtbar anwenden. Dies möchte ich in einer losen Folge von Artikeln anhand aktueller Themen zeigen.
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Jörg Wichmann, November 2017


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Welche Ganzheit ?

Alle ganzheitlich arbeitenden TherapeutInnen gehen als selbstverständlich davon aus, daß sich ein Organismus nur insgesamt heilen läßt. Es ist nicht möglich, ein Organ separat zu heilen, als gäbe es den übrigen Körper nicht. Wir sagen, daß wir nicht Krankheiten behandeln sondern kranke Menschen.
Es stellt sich jedoch die Frage, welches die zu behandelnde Ganzheit ist? Ist der individuelle Mensch eine zulässige Ganzheit, deren Behandlung – abgetrennt von seiner Umgebung – sinnvoll und erfolgversprechend ist? Oder müssen wir ein Individuum – eine unteilbare Einheit, wie der Begriff sagt – auch im Zusammenhang seiner Bezüge zu anderen Menschen und zur sonstigen Welt sehen? Gehört zur „Totalität der Symptome“, die wir in der Anamnese erheben sollen, nicht auch, daß ein Mensch ständig Feinstaub einatmet, daß er oder sie einer entfremdeten Arbeit nachgehen muß, deren Ertrag überwiegend andere genießen können und die eine permanente existentielle Unsicherheit hinterläßt, daß der Körper sich permanent mit Hormonen, Schwermetallen und Kunststoff-Nanopartikeln auseinandersetzen muß, die über Nahrung und Trinkwasser aufgenommen werden? Gewiß, für die Einzelperson sind dies keine Symptome im eigentlichen Sinne sondern Rahmenbedingungen, auf die er oder sie mit Symptomen reagiert. Aber für die nächstgrößere Ganzheit, die menschliche Gemeinschaft, sind dies sehr wohl Symptome im Sinne des Wortes – Anzeichen und Ausdruck einer schweren und chronischen Erkrankung. Glauben wir, die wir die Heilung eines Magens für unmöglich halten, ohne den dazu gehörigen Menschen zu beachten, glauben wir im Ernst, ein Individuum als Teil einer derart kranken Lebensgemeinschaft inmitten einer zerstörten Umwelt nachhaltig heilen zu können? Natürlich können wir Beschwerden lindern oder beseitigen und oft auch ein guutes Wohlbefinden erreichen, aber eine tiefe und vor allem bleibende Heilung auf allen Ebenen entsteht so nicht. Es wird Zeit, daß wir mit der Illusion aufräumen, es könne individuelle Gesundheit innerhalb einer kranken Gemeinschaft geben. Dies zu tun, liegt auch in unserer Verantwortung als HomöopathInnen oder andere ganzheitlich Heilende.
Der Gründer unserer Kunst Samuel Hahnemann hat das übrigens schon vor mehr als zweihundert Jahren so gesehen, wenn er in seinem Grundwerk Organon der Heilkunst schreibt: „Er [der Homöopath] ist zugleich ein Gesundheit-Erhalter, wenn er die Gesundheit störenden und Krankheit erzeugenden und unterhaltenden Dinge kennt und sie von den gesunden Menschen zu entfernen weiß.“ Viel mehr noch als zu seiner Zeit gilt diese Aufforderung heute. Ja, es gehört zu unseren Aufgaben, uns überall zu engagieren, wo die Gesundheit der Menschen gefährdet ist oder dem Profitstreben anderer (denn darum geht es meist) geopfert werden soll. Dafür werden wir zwar als Behandler nicht bezahlt, aber es ist wichtig, daß wir nicht unsere wirklichen Aufgaben in diesem Leben mit den Tätigkeiten verwechseln, für die wir eine finanzielle Entlohnung bekommen.
Die Frage nach der angemessenen Ganzheit läßt sich auch – mit Hahnemanns Worten – so stellen: Was ist das zu Heilende? Wenn ein Mensch täglich geschlagen wird, dann käme ich nicht auf die Idee, das zu Heilende primär in der daraus folgenden Angst, den Schmerzen und Hämatomen zu sehen. Zu heilen ist zunächst einmal die kranke menschliche Situation, das heißt wir wählen die zu heilende Ganzheit eine Ebene größer. Was auf der einen Ebene als Heilungshindernis oder als kränkende Lebensbedingung auftritt, ist auf der nächsten Ebene Ausdruck und Symptom eines kranken Zustandes.

In seinem bekannten Buch “The Voice of the Earth” beschreibt Theodore Roszak eine Situation, in der wir einen Psychiater beobachten, der Patienten mit multiplen Ängsten behandelt, Patienten, die sich ständig bedroht und verfolgt fühlen und die an Alpträumen und Depressionen leiden. Er ist ein guter Therapeut, so erzählt uns Roszak, der sich nach besten Kräften müht, seinen Patienten zu helfen. Aber sie kommen immer wieder und ihr Zustand verschlechtert sich. Die Kamera, durch welche wir zuschauen, fährt jetzt zurück und zeigt uns mehr als den Behandlungsraum des Psychiaters. Wir sehen das ganze Gebäude, den Block und den gesamten Ort – dessen Name Buchenwald ist.


Ärzte gegen den Atomkrieg
und Homöopathen ohne Grenzen haben es vorgemacht, daß sich Menschen aus Heilberufen über ihre medizinische Erwerbstätigkeit hinaus engagieren und dazu beitragen können, unser Lebensumfeld zu heilen und damit erst die Bedingungen für tiefe und dauerhafte Heilung der Patienten und letztlich von uns allen zu schaffen. Auch wenn jede individuelle Behandlung ein wichtiger Beitrag zur Gesundung des gesellschaftlichen Gesamtorganismus ist, können wir alle, die wir ganzheitlichen denken und zu heilen versuchen, uns dazu aufgerufen fühlen, auf allen Ebenen wach und engagiert zu bleiben.




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